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Stand und Perspektiven
Zusammenfassung

1. Kausale Therapie
Es gibt nach wie vor keine kausale Therapie für den chronischen, subjektiven Tinnitus.
(Zenner 2001). Zusammenfassend kommt den konservativen und apparativen Therapien
der Status eines 1. und 2. Ausprobierens zu, wobei die Effizienz als sehr gering zu be-
urteilen ist (Kröner – Herwig 2003).

2. Forschung
Was waren die herausragenden Veränderungen seit 2006:

2.1 Tinnitus – Bericht HTA 43 (DIMDI), ~ 115 Seiten
Massive Kritik an der Tinnitusforschung seit 25 J., die wissenschaftlichen Standards für
eine evidenzbasierte Therapie wurden weitestgehend nicht beachtet. Und bevor eine
kausale Therapie entwickelt werden kann, muss vorher definitiv die Ursache bekannt sein.

2.2 Tinnitus – Research – Initiative (TRI)
2006 wurde die TRI mit Sitz an der Uni Regensburg gegründet. Hierbei handelt es sich
erstmals um einen internationalen Forschungsverbund mit rund 250 Wissenschaftlern. Die ersten TRI – Symposien
haben 2006 in Regensburg und 2007 in Monaco stattgefunden. Weiter 2009 in Stresa/Italien, 2010 in Dallas/USA und 2011 i New York/USA

Hier treffen sich insbesondere die führenden Neurophysiologen/Neurowissenschaftler für Tinnitus weltweit.
Dr. Weisz, Uni Konstanz: Dies war der größte Fortschritt in den letzten Jahren überhaupt !
Erste Ergebnisse: Bei der Beurteilung der neurophysiologischen Tinnitus – Ursache wurde
eine weitgehende Übereinstimmung erzielt.
Es gibt also einen Hoffnungsschimmer für zukünftige, effektivere Therapien.
Die Zukunft gehört den Neurophysiologen (in enger Zusammenarbeit mit den HNO –
Ärzten).

3. Therapien

3.1 Medikamente, Tinnitus & Psyche
Es gibt keine effektive medikamentöse Therapie (Charité, B. Mazurek 2006), also leider
keine Wunderpille gegen den Tinnitus !
Neramexane von Merz ist noch in der Entwicklung, marktreif frühestens in 5 J.
Hierzu einige Kommentare zu Tinnitus & Psyche: Aufgrund der neueren Forschung ist
davon auszugehen, dass Tinnitus keine „psychogene“ Störung ist, sondern neurophysio-
logische Ursachen hat (Kröner – Herwig, Greimel).
Fakt ist aber auch, dass durch den permanenten Tinnitus – Dauerstress ein nie endender
Psychoterror mit gravierenden psychischen Störungen verursacht werden kann. Nerven-
system und Psyche sind ständig zum Zerreißen angespannt. Insbesondere auch durch die
permanente Rückkopplung mit dem limbischen System und der Amygdala. Laut Kröner –
Herwig: Das Tinnitus – Leiden wird primär durch die lang andauernden emotionalen
Belastungszustände geprägt.
Und weiter K. Bake: Psychoterror, zerstörerischer Einfluss auf die Psyche, überhöhtes
Erregungsniveau, vegetative Rückkopplung auf Herz – Kreislauf u. ä. Die Folgeer-
scheinungen sind langfristig schlimmer, als der ursprüngliche Tinnitus !!
Um dies einzudämmen, gibt es eine Reihe von Psychopharmaka (H. Schaaf, Bad Arolsen):
• Vorsicht bei allen Diazepamen: Suchtgefahr.
• Antidepressiva haben durchaus ihre Berechtigung (Stimmungsaufhellung bei depres-
siven Symptomen: Eingesetzt werden in Bad Arolsen meist Doxepin und Trimipra-
min.
• Mirtazapin ist evtl. eine Alternative. Aber Vorsicht: Der Dickmacher schlechthin!!
• SSRI´s
Kommen aus bestimmten Gründen (Verträglichkeit u. a.) obige Antidepressiva nicht
in Frage, setzen wir selektiv SSRI ein, hauptsächlich Citalopram !

3.2 Psychologische (symptomatische) Therapien

3.2.1 TRT (Tinnitus Retraining Therapie)
• TRT ist heute einer der die häufigsten ambulanten Therapien
Behauptung: TRT kann den Tinnitus nicht ausschalten, ihn aber in den Hintergrund
verdrängen und so den quälenden Charakter nehmen.
• Status: Jahrelang wurde TRT als der entscheidende Durchbruch in der Tinnitus – Behandlung propagiert, es wurden Erfolgsaussichten > 80 % versprochen.
• Neuere Vergleichsstudien mit TBT (s. unten ) konnten diese hohen Erwartungen leider nicht bestätigen. Insbesondere wurden für die propagierten Noiser (Geräuschgen-eratoren) kein zusätzlicher positiver Effekt gefunden.
• Daraufhin wurde TRT – Adano eingeführt. Hierbei handelt es sich mehr um ein psychologisches Konzept der KVT und unterscheidet sich kaum noch von TBT. Es trägt nur noch den Namen TRT !

3.2.2 TBT (Tinntus Bewältigungs Training)
Modell Kröner – Herwig:
• Mittels kognitiver Umstrukturierung werden dysfunktionale Gedanken und Abläufe
durch funktionalere Elemente ersetzt.
• Die Aufmerksamkeitsumlenkungsstrategien sind ein wichtiger, entscheidender Eckpfeiler zur Tinnitus – Defocussierung.
• Status: In 2 kontrollierten Vergleichsstudien zeigte sich TBT mit einer strukturierten KVT in allen Vergleichen mit TRT klar überlegen. Insgesamt besitzt TBT ein deutlich breiteres Wirkungsspektrum im Vergleich mit TRT !
• TBT ist heute mit das bekannteste psychologische Behandlungskonzept und wird in
vielen Tinnitus – Fachklinikem (tlw. mit leichten Modifikationen und anderem Namen) erfolgreich eingesetzt.

4. 0 Ergänzungstherapien
Zu den obigen psychologischen Therpien gibt es eine Reihe von bewährten Ergänzungs-
therapien:

4.1 Musiktherapie
Die Hauptstudie der DMZ (Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidel-
berg) ist inzwischen abgeschlossen.
Erstes vorsichtiges Fazit: Die Musiktherapie ist eine wirksame und sinnvolle Ergänzungs-
therapie.

4.2 Biofeedback
• Bisher fehlten wiss. Beweise für ihre Effektivität. Durch eine groß angelegte Studie der Uni Marburg von 01.05.2005 bis 01.05.2008 hat sich dies grundlegend geändert:
• Es wurde eine deutlich Verringerung der Tinnitusbelastung nachgewiesen, insbe-
sondere auch bei langjährigem, chron. Tinnitus.
• An einigen Fachkliniken (Prien, Chiemsee) wird Biofeedback in Kombination mit
TBT seit Jahren erfolgreich eingesezt !

4.3 Neurofeedback
• Ziel: Der Patient lernt durch eigenes Feedback die Beeinflussung von Gehirnwellen
(EEG). Wichtigstes Ziel: Selbstkontrolle über Alpha/Deltarhythmen, Umtrainieren der Gehirnwellenmuster.
• Die Ergebnisse sind stark davon abhängig: Kann der Patient diese Selbstkontrolle
erreichen ?
• In langjährigen Studien an der Uni Konstanz wurde gezeigt: Beste Ergebnisse bei
Patienten, die bereits einen chron. Tinnitus aufweisen und dann im Training die
Alpha/Delta – Muster besonders effektiv normalisieren konnten.
• Status: Es wurde eine signifikannte Verbesserung für den Tinnitus erreicht. Die Bewährungsprobe für Tinnitusschweregrad 3 u. 4 steht allerdings noch aus. Eine weitergehende Studie wurde gerade Anfang 2008 an der Uni Konstanz begonnen.
• Siehe hierzu in Tinnitus – Forum 4 – 2008:
Neurophysiologische Grundlagen von Tinnitus und Behandlung mit Neurofeedback; von I. Lorenz und N. Weisz, Uni Kostanz
• Vorläufiges Fazit:
Durch die Forschungsergebnisse für Neurofeedback ergeben sich völlig neue
Therapieansätze.
• Ziel: Wenn der Tinnitus zentral im Gehirn generiert wird, dann kann er auch nur
zentral bekämpft werden.
Hier scheint sich ein Hoffnungsschimmer für eine zukünftige, effektivere
Therapie abzuzeichnen.

5.0 rTMS (repetive Transkranielle Magnetstimulation)
Seit einigen Jahren laufen umfangreiche Studien an der Uniklinik Regensburg (in Kooperation mit weiteren Unikliniken)

• Status
Unmittelbar nach der Behandlung wurde eine deutliche Tinnitusverbesserung
erreicht. Leider war diese Verbesserung nur kurzfristig zu erreichen. Bei langjährigem chronischen Tinnitus länger als 4-5 Jahre waren Verbesserungen jedoch nur noch bedingt möglich.

Kommentar: Es muss vermutet werden, dass bei einer Chronifizierung von Tinnitus einer Reorganisation durch rTMS nicht zugänglich ist oder nur noch bedingt möglich ist?
• Die Studien werden fortgesetzt und die Ergebnisse müssen abgewartet werden.

6.0 Fazit:
• Es gibt leider nach wie vor keine kausale Therapie.
• Es gibt auch keine Wunderpille gegen Tinnitus.
• Die bekanntesten psychlogischen, symptomatischen Therapien sind TBT und TRT.
• Diese Therapien können neuerdings durch Biofeedback und/oder Musiktherapie er-
gänzt werden.
• Die Studien für rTMS laufen weiter. Für langjährigen, chron. Tinnitus konnte eine
Effektivität bisher nicht nachgewiesen werden.
• Neurofeedback
Durch die ersten Neurofeedbackstudien wurden erfreuliche Ergebnisse erzielt, leider vorläufig nur für leichteren Tinnitus Schweregrad 1 und 2.
Für langjährigen, chronischen Schweregrad 3 und 4 liegen bisher leider noch keine Ergebnisse vor.

Die Neurofeedbacktherapie war ein Hoffnungsschimmer und hat große Erwartungen geweckt. Ob diese Erwartungen erfüllt werden können, bleibt abzuwarten.

Generell gilt (und hierüber sind sich die führenden Wissenschaftler weitgehend einig):

Die Zukunft gehört der Neurophysiologie bzw. den Neurowissenschaftlern.

Kernaussage:

Ja, es ist richtig, wir haben in der Ursachenforschung in den vergangenen 10 Jahren sehr große Fortschritte erzielt.

Fakt ist jedoch leider auch, dass der ganz große Durchbruch für eine effektivere (mehr kausale) Tinnitustherapie immer noch aussteht.

• Wichtiger Hinweis:
Diese Zusammenfassung ist das Fazit von jahrzehntelangen eigenen, leidvollen
Erfahrungen und sorgfältigen, umfangreichen Literaturrecherchen.

Wenn Sie hierzu Fragen und/oder Änderungs- bzw. Ergänzungsvorschläge haben,
rufen Sie mich bitte an:

K. Bake
T. 040/7103472

 
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